Jedes Kind kann schlafen lernen: Kritik am Buch und was Studien zeigen
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Worum es in dem Buch geht
„Jedes Kind kann schlafen lernen“ von der Psychologin Annette Kast-Zahn und dem Mediziner Hartmut Morgenroth erschien 1995. Das Buch stellte das abgestufte Schlaftraining des US-Kinderarztes Richard Ferber im deutschen Sprachraum bekannt und wurde laut Wikipedia allein in den ersten elf Jahren rund 700.000 Mal verkauft.
Das Grundprinzip beschreibt das Portal kindergesundheit-info.de des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) so: Das Kind wird nach einem Abendritual wach ins Bett gelegt, die Eltern verlassen das Zimmer. Weint es, warten sie eine vorher festgelegte Zeit, gehen kurz hinein, beruhigen es mit Worten und gehen wieder. Bei Ferber können diese Wartezeiten bis zu 30 Minuten betragen, Kast-Zahn und Morgenroth haben den Plan etwas abgewandelt.
Wichtig zur Einordnung: Wir haben das Buch für diesen Artikel nicht selbst ausgewertet. Aussagen zum Inhalt stammen aus den genannten Quellen. Die Kritik ist hier so wiedergegeben, wie die jeweiligen Fachleute sie formulieren.
Die wichtigsten Kritikpunkte an „Jedes Kind kann schlafen lernen“
Die Belastung für Kind und Eltern
Laut kindergesundheit-info.de können alle Schlaflernprogramme Kind und Eltern außerordentlich belasten, auch die sanfteren Varianten. Eltern sollen deshalb vorher überlegen, ob sie ihrem Kind und sich das zumuten wollen und ob sie es gemeinsam durchhalten.
Das Alter des Kindes
Das Portal nennt eine klare Grenze: Schlaflernprogramme werden in der Regel erst ab einem Jahr empfohlen und sollen nicht früher durchgeführt werden. Vorher soll kinderärztlich geklärt werden, ob organische oder psychische Ursachen hinter den Schlafproblemen stecken. Wer ein jüngeres Baby hat, findet hier den stärksten Einwand gegen einen frühen Start.
Das Versprechen im Titel
Der Titel klingt, als wäre Schlaf für jedes Kind in gleicher Weise lernbar. Das BIÖG-Portal hält dagegen, solche Programme seien kein Allheilmittel und nicht für jedes Kind, jede Situation und alle Eltern der richtige Weg.
Falsche Erwartungen
Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster, einer der bekanntesten Kritiker, wirft der Debatte um die Ferber-Methode Schönfärberei vor. Sein Einwand: Trainings verliefen oft nicht so glatt wie beschrieben. Er verweist darauf, dass sowohl Ferber als auch Kast-Zahn den Fall ansprechen, dass Babys vor Weinen erbrechen, und dass das Training dann weitergehen soll. Außerdem kritisiert er die Angabe im Buch, Babys würden ab sechs Monaten 10 bis 11 Stunden ohne Pause schlafen.
Zum Vergleich: In einer Studie mit über 350 Müttern schliefen mit sechs Monaten nur 62 Prozent der Babys mehr als sechs Stunden am Stück, mit zwölf Monaten 72 Prozent. Ein Zusammenhang mit der Entwicklung der Kinder oder der Stimmung der Mütter fand sich nicht.
Was spricht für das Buch?
Befürworter verweisen auf Studien, in denen Verhaltensprogramme kurzfristig wirken. Die meistzitierte stammt von Gradisar und Kollegen (2016): 43 Kinder von 6 bis 16 Monaten erhielten entweder das gestufte Warten, eine schrittweise spätere Schlafenszeit oder nur allgemeine Informationen. In beiden Programmen schliefen die Kinder laut Auswertung schneller ein und wachten seltener auf, nach einem Jahr zeigte sich kein Unterschied bei der Bindung.
Daran gibt es wiederum Kritik: Renz-Polster bemängelt die sehr kleine Teilnehmerzahl, viele Abbrüche und dass die Verbesserung auf Elterntagebüchern beruht, während die Bewegungsmessung sie nicht bestätigt habe. Er weist auch darauf hin, dass es zwar keine Langzeitstudien gibt, die einen Schaden belegen, ein solcher Nachweis methodisch aber kaum möglich ist. Fehlender Schadensnachweis heißt also nicht „gefahrlos“.
Was heißt das für Eltern?
Die Studienlage nimmt dir die Entscheidung nicht ab. Diese Fragen helfen beim Abwägen:
- Ist dein Kind älter als ein Jahr und körperlich wie seelisch gesund? Das sollte die Kinderarztpraxis klären.
- Wie groß ist die Belastung wirklich? Das Portal rät zu solchen Programmen nur, wenn eine Familie außerordentlich belastet ist und sanftere Wege nicht geholfen haben.
- Tragt ihr die Entscheidung beide mit, auch wenn die ersten Abende schwer werden?
- Könnt ihr abbrechen, wenn es deinem Kind oder dir nicht gut damit geht?
Oft lassen sich belastende Gewohnheiten laut kindergesundheit-info.de auch mit Geduld und eigenem konsequentem Verhalten deutlich sanfter ändern. Wie das aussehen kann, steht im Ratgeber Baby alleine einschlafen lernen. Einen Überblick über alle gängigen Wege gibt unser Artikel zum Schlaftraining. Ein ruhiger Tagesabschluss gehört überall dazu, Ideen dafür findest du bei den Familienritualen.
Gibt es günstige Alternativen zum Buch?
Wer einen Plan ohne Alleinlassen sucht, stößt unter anderem auf das E-Book Schlaftraining für Babys*. Es kostet laut Bestellseite 7 Euro (Stand: 06.11.2026) und verspricht einen sanften 14-Tage-Plan, Rituale, Hinweise zur Schlafumgebung und zu Rückschlägen. Auf der Bestellseite stehen keine Angaben zu Autorin oder Qualifikation, Erfahrungsberichte haben wir nicht gefunden. Das ist ein klarer Nachteil, und auch ein 14-Tage-Plan bleibt ein Schlaftraining, für das die oben genannten Einwände zum Alter gelten.
Persönliche Unterstützung kostet deutlich mehr. Was realistisch ist, zeigt unser Überblick zu den Kosten für ein Schlafcoaching.
Was ist die Ferber-Methode genau?
Ferbern heißt: Das Baby wird wach ins Bettchen gelegt und soll lernen, allein einzuschlafen, damit es auch nachts ohne Hilfe wieder in den Schlaf findet. Die Eltern kommen in festen Abständen zurück, sprechen kurz mit dem Kind und gehen wieder, ohne es hochzunehmen. Die Idee dahinter: Schlafgewohnheiten lassen sich mit einem festen Plan in kurzer Zeit ändern. Kritiker sprechen deshalb von kontrolliertem Schreienlassen, Befürworter von gestuftem Warten.
Vom reinen Schreien lassen unterscheidet sich das, weil Eltern zwischendurch zum Kind gehen. Für das Kind bleibt es trotzdem eine Situation, in der es weint und zunächst allein ist. Das Elternportal swissmom nennt es nie eine gute Idee, ein Kind schreien zu lassen, bis es erschöpft und resigniert einschläft. Damit es sich sicher und geborgen fühlt, soll es wissen, dass jemand da ist.
Muss ein Kind schlafen überhaupt lernen?
Diese Gegenfrage steht im Kern der Debatte. Babys schlafen nach swissmom nicht deshalb schlecht, weil ihnen eine Fähigkeit fehlt. Vor allem in den ersten Monaten wachen sie auf, weil sie Hunger haben. Mit etwa vier Monaten werden die Abstände länger. Das Tempo unterscheidet sich aber stark von Kind zu Kind: Wer nach einem halben Jahr noch nicht durchgeschlafen hat, liegt laut der oben genannten Studie nicht außerhalb des Normalen.
Einschlafprobleme können eine Familie trotzdem an ihre Grenzen bringen. Renz-Polster, der die Methode ablehnt, betont selbst, dass Eltern in Not keine Monster sind, sondern nach Lösungen suchen. Wer müde und erschöpft ist und zum Buch greift, handelt also nicht verantwortungslos. Entscheidend ist, die Risiken zu kennen und sich beraten zu lassen. Das gilt für alle Eltern, die den Babyschlaf verändern wollen.
Fazit: Wie berechtigt ist die Kritik?
Die Kritik ist ernst zu nehmen, ohne dass sie einen Schaden beweist. Sicher ist: Das Vorgehen gilt in Medizin und Wissenschaft als umstritten, kann belasten und ist für Babys im ersten Lebensjahr nach Einschätzung des BIÖG-Portals nicht vorgesehen. Sicher ist auch: Eine gefahrlose Methode kann derzeit niemand zusagen, weder die harte noch die sanfte. Wer das Buch nutzen möchte, sollte das nur nach dem Gespräch mit der Kinderarztpraxis tun.
Quellen
- kindergesundheit-info.de (BIÖG): Stichwort Schlaflernprogramme
- Wikipedia: Annette Kast-Zahn
- Herbert Renz-Polster: Sind Schlaftrainings also doch okay?
- Herbert Renz-Polster: Sind Schlaftrainings unbedenklich?
- American Family Physician 2016: Zusammenfassung der Studie von Gradisar et al.
- HiPP Fachkreise: Zusammenfassung der Studie von Pennestri et al. 2018
- Digistore24: Bestellseite Schlaftraining für Babys (Produkt 735834)
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